Das Runde fasst das Eckige

Direkt auf der Newa-Insel Krestowskij Ostrow in Sankt Petersburg gelandet: Die Peter-Arena ist ein Fußballpalast der Superlative. Nicht nur hinsichtlich der beeindruckenden technischen Features – auch in Bezug auf die exorbitanten Baukosten
Alles begann mit dem Abriss des altgedienten Kirow-Stadions des FK Zenit Sankt Petersburg im Jahr 2016. Zu sehr war offenbar das 1950 erbaute Stadion des Clubs im Primorsky Victory Park auf dem westlichen Teilvon Krestowskij Ostrow, einer der in der Newa-Mündung am Finnischen Meerbusen gelegenen Inseln, angesichts der hier in den Himmel wachsenden Nobelhotels und der in der Neva dümpelnden Segeljachten zum Fremdkörper geworden.

In Beton gegossenes Geltungsbedürfnis

Im Fahrwasser der bombastischen Planungen für die Olympischen Winterspiele in Sotschi wuchsen sich dann aber auch die Planungen für den neuen Fußballpalast zum echten Politikum aus. Schnell ging es nicht mehr nur darum, eine neue und zeitgemäße Spielstätte für Zenit zu schaffen, es musste eine Multifunktionsarena her, ein Prestigeobjekt, das wie die Gigantomanie am Schwarzen Meer Russlands Bestreben symbolisieren sollte, auch in der Sportwelt zu alter Größe aufzusteigen. Von derartigen Vorstellungen beflügelt setzten die Verantwortlichen bei dem Neubau auf eine überaus anspruchsvolle Sportarena, die sich in jeder Hinsicht mit den modernsten Arenen auf der Welt messen können sollte. Im August 2006 erhielt der Entwurf des japanischen Architekten Kisho Kurokawa den Zuschlag der Jury. Sein Entwurf sieht ein Fußballstadion für 62.167 Zuschauer vor, das über ein schließbares Dach sowie – ähnlich der Veltins-Arena in Gelsenkirchen – über einen ausfahrbaren Rasen verfügen sollte.
Nachdem diese Frage geklärt war, begannen im April 2007 auf Krestowskij Ostrow die Bauarbeiten. Kaum mehr als zwei Jahre später rief das Sportkomitee von Sankt Petersburg im Juli 2009 die Bürger dazu auf, Vorschläge für den Namen des neuen Stadions zu machen. Die Mehrzahl der Sankt Petersburger entschieden sich dabei für den Vorschlag Gazprom-Arena. Wem diese Aktion angesichts der ursprünglich für den August 2009 angesetzten Fertigstellung des Stadions für ein wenig zu kurzfristig erschien, den belehrte bereits ein kurzer Blick auf den Bauplatz: Von einem Stadion war noch nicht viel zu sehen. Längst war klar, dass sich die Fertigstellung noch Jahre hinziehen würde. Vor allem wegen großer Schwierigkeiten mit dem Baugrund auf der Insel in der Mündung der Newa war man weit hinter den ursprünglichen Zeitplan zurückgefallen. Doch auch die harten Winter, die ab Anfang November eine weiträumige Beheizung der Baustelle erforderten, um auch in dieser Jahreszeit die Betonierarbeiten fortsetzen zu können, forderten ihren Tribut.

Zahlreiche Baustopps

Schließlich brachten mehrere Bauunterbrechungen die Zeitplanung vollends aus dem Lot. Das erste Mal standen auf dieser Riesenbaustelle sämtliche Räder still, als im Jahr 2010 die Weltmeisterschaft an Russland vergeben worden war. Flugs verfügten die Verantwortlichen, dass das Stadion nun Platz für 68.000 statt wie ursprünglich geplant rund 62.000 Zuschauer bieten müsse. Außerdem sollten nun wesentlich mehr VIP-Logen und Super-VIP-Logen eingebaut werden. In der Folge mussten Teile der Tribüne wieder abgerissen und neu errichtet werden.
Der federführende Baukonzern Transstroj hingegen schob der Fifa, die bis zu diesem Zeitpunkt für diesen Stadionneubau gar nicht zuständig war, den schwarzen Peter zu. Der Fußballweltverband habe einen steileren Neigungswinkel gefordert, damit die Zuschauer auf den oberen Rängen besser sehen könnten, hieß es. Dem Weltverband indessen war, wie er auf Nachfragen von Journalisten erklärte, diese angebliche Forderung völlig neu.
Die Schuld an einer weiteren Verzögerung schob im letzten Jahr dann die Baubehörde von Sankt Petersburg der Uefa in die Schuhe. Weil die Anforderungen des europäischen Fußballverbands viel strenger seien als die der Fifa, müsse nun noch mal umgebaut werden. Kein Wort allerdings darüber, warum den Planern das erst 2016 aufgefallen ist, da Sankt Petersburg doch bereits 2014 den Zuschlag für drei Gruppenspiele und ein Viertelfinale bei der EM 2020 bekommen hat und die Bewerbung für diese Spiele noch weitaus früher, nämlich bereits 2009, eingereicht worden war.
Nichts anderes als die üblichen Ablenkungsmanöver. Die wahren Gründe, insbesondere für die jüngsten Bauunterbrechungen, liegen vielmehr auf finanzieller Seite. Denn der Stadt Sankt Petersburg drohte inzwischen mehrfach das Geld auszugehen. Schon vor einiger Zeit nämlich hatte sich der staatliche Energiekonzern Gazprom, ursprünglich Sponsor des Baus, aus dem Projekt zurückgezogen. Der Imageverlust – selbst Ministerpräsident Dmitri Medwedew bezeichnete die Misere rund um die neue Arena als Schande – und vor allem die mit einem Festhalten an dem Projekt verbundenen Risiken waren dem Unternehmen zu groß. Von da an also mussten die Stadtväter tief ins Stadtsäckel greifen.
Und die zu bezahlende Rechnung hat inzwischen stolze Dimensionen erreicht. Die ursprünglich veranschlagten Kosten von 6,5 Milliarden Rubel (rund 165 Mio. Euro) haben sich jüngsten Schätzungen zufolge zu einem Berg in beinahe sechsfacher Höhe von nunmehr rund 40 Milliarden Rubel (930 Mio. Euro) aufgetürmt. Niemand weiß, ob die Bausumme gar noch die Marge von einer Milliarde Euro übersteigen wird, weil die Verkehrsanbindungen zum Stadion, eine Metrolinie, eine Schnellstraße sowie eine Fußgängerbrücke, möglicherweise noch gar nicht eingepreist sind. Das Problem ist nur, dass man anders im Jahre 2004, als die ersten Planungen Gestalt annahmen und Russland dank üppiger Einnahmen aus seinen Rohstoffverkäufen Geld im Überfluss zu haben schien, heute jeden Rubel zweimal umdrehen muss. Der Ölpreis ist im Vergleich zu damals dramatisch gefallen und seit der Ukrainekrise leiden die Staatseinnahmen zusätzlich unter den Sanktionen der EU und den USA.
Das Stadion indessen muss trotzdem fertig werden. So hat die Stadt inzwischen begonnen, ihre Ausgaben für Schulen, Kindergärten, Gesundheitszentren und andere Sporteinrichtungen drastisch zu streichen. Um nicht auch noch den Termin für die Weltmeisterschaft 2018 zu reißen, holte sich die Stadtverwaltung den russischen Beamten und Krisenmanager Marat Oganesjan als Troubleshooter ins Boot. Oganesjan hatte sich bereits mit der Fertigstellung der von Skandalen begleiteten und fast eine Milliarde Dollar teuren Renovierung des Moskauer Bolschoi-Theaters oder auch des Neubaus des angesehenen Mariinski-Theaters in Sankt Petersburg (mit Kosten von mehr als 500 Millionen Euro eines der teuersten Opernhäuser der Welt) einen Namen gemacht. Doch seine markigen Sprüche, „man baue nicht nur für Sankt Petersburg“, sondern „für ganz Russland“, und er wolle mit „diesem Stadion zeigen, wie ehrgeizig wir sind“, verstellten ihm offenbar selbst in einem Anflug von gefühlter Unbesiegbarkeit den Blick für die Realität sowie für die Finanzen. In der Folge hat auch Oganesjan das Handtuch geworfen. Ein ähnliches Schicksal ereilte den bisherigen Generalunternehmer, den Baukonzern Transstroj, der dem Milliardär und Oligarchen Oleg Deripaska gehört. Nachdem der Probleme hatte, den Verbleib von 2,5 Milliarden Rubel (mehr als 30 Millionen Euro) schlüssig zu erklären, schaltete man in Sankt Petersburg die Staatsanwaltschaft ein und verpflichtete ein anderes Unternehmen. Kurz darauf ist auch der gerade erst beauftragte neue Baukonzern Metrostroi dank des Besuchs einer Einheit des Inlandsgeheimdienstes FSB in die Schlagzeilen geraten...

Die Technik

Vor alldem treten die technischen Fakten des Superbaus beinahe in den Hintergrund. Denn insbesondere die gewagte Dachkonstruktion des Stadion-Giganten hat es verdient, sich ein wenig näher mit ihr zu beschäftigen. Das fängt bereits an bei der Ausführung der Spielfeldüberdachung als verschließbare Kuppel. Von dem sich in der Mitte über die Arena spannenden, kreisrunden Lichtdom ist nämlich ein mit den Ausmaßen des tief unter ihm liegenden Rasens korrespondierender, rechteckiger Bereich abgetrennt, der sich mit Hilfe massiver Rollwagen auf Eisenbahnschienen in zwei Hälften auseinanderfahren lässt.
So ist es möglich, die Kicker unter freiem Himmel oder alternativ auch überdacht spielen zu lassen. Schließlich fallen hier die Außentemperaturen gerne schon einmal bis auf minus 30 Grad Celsius. Um das zu erreichen, mussten freilich beide Schiebedächer freitragend ausgeführt werden, was eine solide Stahlfachwerkkonstruktion verlangte. In puncto Gewicht natürlich nicht ohne Folgen. Und da das wiederum von der darunterliegenden Dachkonstruktion getragen werden muss, fällt diese ergo ebenfalls entsprechend massiv aus. Das steigert das Eigengewicht dieser überaus komplexen Konstruktion nahezu ins Maßlose. Sie erreicht, wie die offizielle Website piterarena.com martialisch prahlt, das Gewicht von 473 russischen Kampfpanzern.
Den Hauptanteil dieser immensen Last der bautechnisch in Viertelsegmente aufgeteilten Kuppel überantwortet ihr Schöpfer dabei den acht Pylonen, die den Rundbau weithin sichtbar überragen. Doch wegen der dynamischen Effekte, wie etwa der unterschiedlichen Ausdehnung von der Sonne beschienener bzw. verschatteter Bereiche der Stahlfachwerkkonstruktion, ist es notwendig, den Pylonen eine zwängungsfreie Drehbewegung zu ermöglichen. Sie mussten daher an ihrem Fußpunkt mit Lagern ausgestattet werden, die für eine Verdrehung von ±0.025 Grad ausgelegt sind. Das allein wäre ohne das enorme auf ihnen lastende Gewicht kein Problem gewesen. Hinzu kam allerdings noch die gewaltige Auflast von ca. 10.000 Tonnen. Die Kalottenlager des Münchener Spezialisten Maurer konnten diese Forderungen mit einem vergleichsweise kleinen Durchmesser von 1.600 Millimetern realisieren.
Das allerdings war nicht das einzige Problem, das mit der gewagten Konstruktion einherging: Wegen seiner exponierten Lage direkt an der Newabucht wirken auf das Stadion zudem enorme Windlasten. Die indes schlagen sich wegen seiner aerodynamischen Form weniger als Druck- oder Schubkräfte nieder, sondern vor allem als zusätzliche Auflasten oder als nach oben gerichtete Zugkräfte. Bereits für den Bauzustand waren bei Auflasten von 4,0 Meganewton Zuglasten von –3,5 Meganewton zu berücksichtigen. Für den Endzustand kalkulieren die Spezialisten gar mit durchschnittlichen Auflasten von 5,0 bis hin zu maximal 11,0 Meganewton. Von diesen Kräften werden vor allem die 60 zusätzlichen V-Stützen betroffen sein, die den Außenrand der Dachkonstruktion tragen. Wegen ihrer außerordentlichen Belastung wurden die hier verwendeten Druck-Zug-Lager sowohl unterhalb als auch oberhalb der Stahlstützen eingebaut.
An dem enormen Gewicht der Dachkonstruktion indes hat ihre „Verglasung“ nur einen vernachlässigbaren Anteil. Der lichtdurchlässige Teil der Dachkonstruktion ist nämlich mit Ethylen-Tetrafluorethylen-Copolymer-Folie (ETFE) bespannt, einem Material, das Fußballfans von der Allianz-Arena in München bereits bestens bekannt sein dürfte. Die nur 250µm starke Folie ist nicht nur ein ausgesprochenes Leichtgewicht, sondern auch enorm resistent gegenüber Beta- und Gammastrahlung, weist eine überragende Beständigkeit gegen viele aggressive Chemikalien auf und besitzt zudem eine außerordentlich hohe Durchschlagsfestigkeit. Diesen herausragenden Eigenschaften verdankt das Material auch seine Verwendung unter anderem beim Vogelnest in Peking oder dem Eden-Projekt in England. Und auch unterhalb der Dachkonstruktion kommen High-Tech-Materialien zum Einsatz. So ist die Außenverkleidung der Zuschauerränge mit Aluminium Composit-Paneelen des amerikanischen Herstellers Alubond ausgeführt, die z. B. auch dem Burj Khalifa sein glänzendes Äußeres verleihen. Die unteren Gebäudeteile hingen erhielten eine graffitibeständige und zudem vandalismussicherere vorgehängte, hinterlüftete Keramik-Fassade. ∆

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